31.07.2015

Offiziell bestätigt: Wolfsangriff auf Jäger war gelogen

Zum vermeintlichen Wolfsangriff auf einen Jäger im April hat die Landesregierung nun das Ergebnis der Ermittlungen innerhalb einer „Kleinen Anfrage“ zur Gefährlichkeit des Wolfes bekanntgegeben. Hier der Auszug zum „Wolfsangriff“ (Hervorhebungen von der Redaktion):

Wie bewertet die Landesregierung den jüngsten Bericht über einen potenziellen Wolfsangriff auf einen Jäger in der Göhrde, über den das Jägermagazin auf seiner Internetseite mit Datum vom 08.04.2015 berichtet?
Der von diesem Jäger geschilderte Vorgang wurde von der Landesregierung sehr ernst genommen, stellte er doch einen möglichen Paradigmenwechsel im Verhalten freilebender Wölfe in Deutschland dar.
Allerdings zeichneten sich bereits in der Darstellung des Berichterstatters sowohl innerhalb der ersten Darstellung als auch zwischen den Darstellungen einige Zweifel an deren Richtigkeit ab. Fachkräfte der Polizei haben zusätzlich zu der Protokollierung des Vorfalls im Rahmen des Wolfsmonitorings die Aussage vor Ort aufgenommen und dokumentiert. Um jeden möglichen Hinweis auf das tatsächliche Geschehen zu ergründen, wurde in unmittelbarer zeitlicher Folge ein Fachmann für Tierspuren mit der genauen Analyse der Spurenlage am Ort des Geschehens und dessen näherer Umgebung beauftragt.
Diese Spurensuche erbrachte eine Vielzahl verschiedener und verschieden alter Tier- und Menschenspuren.
Unter den Spuren in unmittelbarer Umgebung des Orts des geschilderten Geschehens fand sich keine Wolfsfährte.
Eine Canidenfährte fand sich dagegen in der weiteren Umgebung. Diese war sehr gut verfolgbar, ihr Verlauf wäre ohne Störung in einigem Abstand zum Hochsitz in gerader Linie an diesem vorbei gelaufen, wies aber eine deutliche Abweichung weg vom Hochsitz auf, der in einem ungefähren Halbkreis vom Caniden umschlagen wurde, bevor dieser seine vorher eingeschlagene Richtung wieder aufnahm. Die von dem Jäger geschilderten Entfernungen konnten an keiner Stelle des Spurverlaufs bestätigt werden. Am Ort des Geschehens festgestellte Tierhaare wurden genetisch untersucht und konnten einem Fuchs zugeordnet werden.

Im Ergebnis muss festgestellt werden, dass die Schilderungen des Jägers mit den durch Spuren nachvollziehbaren tatsächlichen Vorkommnissen nicht in Übereinstimmung zu bringen sind.

Anm. d. Red.:
Somit haben wir es also schriftlich: Der Jäger hat gelogen – und mit ihm das Jägermagazin, das die halbe Nation mit dem Hinweis auf „der erste offiziell bestätigte Wolfsangriff auf einen Menschen in Deutschland“ aufgehetzt hat. Wir erwarten nun eine Gegendarstellung und Entschuldigung im Jägermagazin.
Wie geht es weiter? Ich habe mit der Oberstaatsanwältin von der zuständigen Staatsanwaltschaft Lüneburg gesprochen. Die Staatsanwaltschaft wird von sich aus nicht tätig werden. Da der Jäger gelogen und der Wolf einen großen Bogen um den Hochsitz gemacht hat, kann er auch nicht angeklagt werden, weil er vermeintlich auf einen Wolf geschossen hat. Dass er gegenüber der Polizei gelogen hat, ist nicht strafbar. Ein Beschuldigter hat das Recht gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft zu lügen (nicht jedoch vor Gericht).
Dass das Jägermagazin gelogen und gehetzt hat, ist deren übliche Taktik gegen den Wolf und fällt unter das schändliche Unwort „Lügenpresse“. Hier sollte der DJV einmal ein Machtwort sprechen - was er vermutlich nicht tun wird.
Alles wird also – wie immer – im Sande verlaufen. Dennoch ist es großartig, dass dieser Fall durch die Anfrage jetzt aufgeklärt ist.

Bitte verbreitet die Meldung weiter.

Hier geht es zur Anfrage und den sehr lesenswerten Antworten
Wobei ich mich schon wieder frage, wer denn die vermeintlichen „Fachleute“ sind, die an der These zweifeln, dass es in Niedersachsen lediglich ein oder zwei „Problemwölfe“ gebe ...

Danke für den Kommentar: Beschwerde beim Presserat kann übrigens jeder einlegen. Je mehr, desto besser. Hier die Info. 
Auch wenn eine Krähe der anderen kein Auge aushackt, wäre es zu wünschen, wenn der DJV oder der ÖJV eine solche Beschwerde einlegen würden.

Achtung: Anonyme Kommentare werden NICHT veröffentlicht!




30.07.2015

DJV fordert Neubewertung der Wolfspopulation

Dänische Wölfe stammen größtenteils aus dem Baltikum – Mitteleuropäische Flachlandpopulation ist nicht isoliert

Berlin, 30. Juli 2015) Wissenschaftler aus Deutschland und Dänemark haben jetzt unabhängig voneinander bestätigt, dass bei Wölfen ein genetischer Austausch des deutsch-westpolnischen Vorkommens mit dem nordosteuropäisch-baltischen Vorkommen besteht. Dies ist eine der Kernaussagen des neuen Positionspapiers des Deutschen Jagdverbandes (DJV) zum Wolf. Der DJV fordert deshalb eine grundlegende Neubewertung der hiesigen Wolfsvorkommen hinsichtlich Erhaltungszustand, Herkunft und Wanderbewegungen. Dr. Liselotte Andersen von der Universität Aarhus hat erstmals belegt, dass ein Großteil von 18 in Dänemark nachgewiesenen Wölfen aus Nordost-Polen stammt. Ihr Weg nach Dänemark kann nur über Land, also durch Deutschland, geführt haben. Auf Nachfrage bestätigte die Wissenschaftlerin, dass zwischen 2012 und 2015 sogar insgesamt 40 Wolfsindividuen in Dänemark nachgewiesen werden konnten. Der Anteil der Wölfe aus dem Baltikum sei jedoch noch nicht abschließend bestimmt. Verena Harms, Mitarbeiterin des Senckenberg-Forschungsinstituts in Gelnhausen (Nationales Referenzzentrum für die Genanalyse von Wölfen), bestätigte zudem kürzlich als Sachverständige vor dem Sächsischen Landtag, dass „durchaus Zuwanderungen von Wölfen“ nach Deutschland aus dem Baltikum belegt sind und dass die Mitteleuropäische Flachlandpopulation „eindeutig keine isolierte Population darstellt“.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Ergebnisse fordert der DJV die Bundesregierung auf, ein grenzübergreifendes Wolfsmonitoring aufzubauen und genetische Untersuchungen zu vereinheitlichen sowie zu intensivieren. Das derzeitige Erfassungssystem bewertet der DJV als lückenhaft. Mittelfristiges Ziel muss ein internationales Wolfsmanagement sein. Bundesumweltministerium und Bundesamt für Naturschutz betrachten das deutsch-westpolnischen Vorkommen nach wie vor als eine isolierte Population. „Wir sehen das anders. Die Vernetzung der Populationen ist nun mehrfach nachgewiesen, der günstige Erhaltungszustand des Wolfes - bezogen auf das Verbreitungsgebiet von Deutschland über Polen, das Baltikum und darüber hinaus - ist erreicht“, betonte Dr. Armin Winter, DJV-Naturschutzreferent. Der Wolf solle baldmöglichst aus Anhang IV in Anhang V der FFH-Richtlinie überführt werden. Dies sei eine folgerichtige rechtliche und wildbiologische Konsequenz der dynamischen Ausbreitung des Wolfes. (Pressemeldung DJV, Foto: Rolfes/DJV)


Anm. d. Red.: Wir sehen, worauf das hinausläuft: Umgehung des Artenschutzes, indem man den Wolf abstuft.


28.07.2015

Illegal geschossener Wolf gefunden

Am Sonntagvormittag, den 26.07.2015, wurde in der Gemeinde Vierkirchen
(Landkreis Görlitz) ein junger männlicher Wolf tot aufgefunden. Bei der Begutachtung
vor Ort wurden Verletzungen festgestellt, die den Verdacht auf einen illegalen
Abschuss nahe legten. Daraufhin wurde die Kriminalpolizei verständigt. Nach der
Aufnahme des Vorgangs durch die Polizei wurde der Kadaver an das Leibniz Institut
für Zoo- und Wildtierforschung Berlin (IZW) gebracht. Der vorläufige
Untersuchungsbefund bestätigte den Verdacht eines illegalen Abschusses.
Noch ist unklar aus welchem Rudel der junge Wolf stammt. Dies muss die
genetische Untersuchung am Senckenberg Institut für Wildtiergenetik in Gelnhausen
klären.
Wölfe sind nach EU-Recht und Bundesnaturschutzgesetz eine streng geschützte Art.
Ihre unerlaubte Tötung stellt eine Straftat dar. Aufgrund der vorliegenden
Erkenntnisse wird der Landkreis Görlitz Strafanzeige gegen Unbekannt erstatten.
Das Landeskriminalamt nahm bereits die Ermittlungen auf.
Seit 2009 wurden damit in Sachsen 7 illegal getötete Wölfe gefunden. In 6 Fällen
wurden die Tiere geschossen und ein Wolf wurde vorsätzlich überfahren. Das
Landeskriminalamt Sachsen ermittelt in einigen dieser Fälle. (Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz)


21.07.2015

Rezension: Der unwiderstehliche Garten

Der unwiderstehliche Garten: Eine Beziehungsgeschichte
Barbara Frischmuth

Aufbau Verlag, 2015
240 Seiten
ISBN 978-3351035853
24,20 €

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Inhalt
Was uns alles blüht. Auch für eine hingebungsvolle Gärtnerin wie Barbara Frischmuth kommt der Tag, an dem sie beschließt, den Garten zu verkleinern. Während sie halbherzig Beete auflöst, muss sie daran denken, was die moderne Neurobiologie darüber entdeckt hat, wie Pflanzen kommunizieren – untereinander und mit dem Menschen. Trotz guter Vorsätze ertappt sie sich dabei, dass sie wieder Setzlinge kauft. Aber macht ein schmerzender Rücken manchmal nicht glücklicher, als es im Alter bequem zu haben? Man muss sich einer Sache widmen können, um glücklich zu sein, und dafür bietet der Garten einen perfekten Raum. Wenn Barbara Frischmuth also über die Unwiderstehlichkeit eines Gartens erzählt, lenkt sie unseren Blick auf die Vielfalt des Lebens selbst. „Mir ist klar, dass die Bewohner des Gartens wesentlich besser über mich Bescheid wissen, als ich über sie.“

Rezension
Natur ist nicht nur in der Wildnis da draußen, wir können sie auch in unseren Garten holen. Die Autorin Barbara Frischmuth hat zahlreiche Bücher über Natur, Tiere und Pflanzen geschrieben. Dies ist mein erstes Buch, das ich von ihr gelesen habe. Es hat mich vor allem neugierig gemacht, weil ich (im gleichen Alter wie die Autorin) mir anhand des Klappentextes wohl eine Anleitung zum „Lazy Gardening“ erhofft hatte. Denn auch ich möchte meinen Garten verkleinern, einfacher machen, und scheitere bisher immer noch daran - ebenso wie die Autorin letztendlich auch.
Ich gehöre zu den Gartenbesitzern, die ihre Pflanzen nicht hegen und pflegen, sondern eher wie der Künstler Lois Weinberger anstupsen und dann ihrem Schicksal überlassen, nach dem Motto „Schafft sie es nicht alleine, ist es nicht schade um sie.“ Wahrscheinlich hatte ich bisher einfach nur Glück, denn ich kann mich über einen robusten, blühenden Garten freuen.
Ich bin also von falschen Voraussetzungen ausgegangen, als ich „Der unwiderstehliche Garten“ las, und fühlte mich darum auch anfangs völlig überfordert mit den Anleitungen und Anregungen für einen prachtvollen Garten, den die Autorin wahrlich hat, wie ich in einem TV-Beitrag über sie gesehen habe.
Streckenweise kommt mir das Buch wie ein Fachbuch für Botaniker oder zumindest Gärtner vor und nicht für den gewöhnlichen Leser. Ich fand es sehr mühsam, immer wieder die lateinischen Fachbegriffe zu googeln, um so zu erfahren, über welche Pflanze sie schreibt. Dafür gab es aber immer wieder Momente der Freude, wenn ich entdeckte, dass beispielsweise Paeonia veitchii als gewöhnliche Pfingstrose schon lange in meinem Garten fröhlich vor sich hin wuchert.
Aber Barbara Frischmuth gibt nicht nur Pflanzentipps, sondern reflektiert auch über das Älterwerden, denn ein Garten veranschaulicht uns das Werden und Vergehen. Dies konnte ich sehr gut nachempfinden, ebenso wie die Ausführungen über die Macht der Pflanzen. Nur zu oft vergessen wir, dass wir ohne Pflanzen nicht lebensfähig wären (Sauerstoff, Nahrung, Klimaregulierung).
Die besondere Begeisterung der Autorin über die Iris kann ich persönlich nicht nachempfinden, und so finde ich gleich vier(!) Iriskapitel einfach zu viel.
"Der unwiderstehliche Garten" ist meines Erachtens kein Buch für einen Anfänger, der wie ich jeden Pflanzenbegriff nachschlagen muss, damit er überhaupt weiß, worüber gesprochen wird.
Dennoch zieht die Liebe der Autorin zu den Pflanzen den Leser in seinen Bann. Und darum ist es trotz allem ein unterhaltendes, liebevolles Buch, aus dem man auch noch eine Menge lernen kann.
Mein besonderes Lob gilt den wunderschönen, zarten, farbigen Grafiken von Melanie Gebker. (ehr)

19.07.2015

Rezension: Butcher's Crossing

Butcher's Crossing
John Williams

dtv, 2015
368 Seiten
ISBN 978-3423280495
21,90 €

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Inhalt
Es war um 1870, als Will Andrews der Aussicht auf eine glänzende Karriere und Harvard den Rücken kehrt. Beflügelt von der Naturauffassung Ralph W. Emersons, sucht er im Westen nach einer "ursprünglichen Beziehung zur Natur". In Butcher’s Crossing, einem kleinen
Städtchen in Kansas, am Rande von Nirgendwo, wimmelt es von rastlosen Männern, die das Abenteuer suchen und schnell verdientes Geld ebenso schnell wieder vergeuden. Einer von ihnen lockt Andrews mit Geschichten von riesigen Büffelherden, die, versteckt in einem entlegenen Tal tief in den Colorado Rockies, nur eingefangen werden müssten: Andrews schließt sich einer Expedition an, mit dem Ziel, die Tiere aufzuspüren. Die Reise ist aufreibend und strapaziös, aber am Ende erreichen die Männer einen Ort von paradiesischer Schönheit. Doch statt von Ehrfurcht werden sie von Gier ergriffen – und entfesseln eine Tragödie. Ein Roman darüber, wie man im Leben verliert und was man dabei gewinnt.

Rezension
Ich gestehe, ich gehöre zu den Wenigen, die weder Stoner noch einen anderen Roman von John Williams gelesen haben. Ich habe zum Buch gegriffen, weil mich das Cover mit dem Bison angesprochen hat. Ich bin ein großer Bisonfan und kenne die Tiere und ihren Lebensraum. Ich wollte erfahren, wie es in den großen Bisongebieten aussah, bevor die weißen Jäger kamen und Millionen Büffel vernichteten. Meine Buchhändlerin wollte mir das Buch erst gar nicht verkaufen. Sie warnte mich, das „sei nichts für mich“. Entsprechend vorsichtig habe ich mich herangewagt – und wurde immer mehr in den Bann der Erzählung hineingezogen.
Die Handlung gibt genügend Stoff für einen Hollywoodfilm im Stil von "Der mit dem Wolf tanzt". Der große Western, der nichts auslässt: Kansas und Colorado Ende des 19. Jahrhunderts. Ein kleiner, gottverlassener Ort in der Prärie. Ein junger Mann aus der Großstadt mit einem Traum. Ein vom Töten besessener Jäger, dessen Ähnlichkeit mit Herman Melvilles Ahab verblüfft. Ein verkrüppelter Alkoholiker, die Prostituierte mit dem Herzen aus Gold und der brummige Bisonhäuter. Sie machen sich gemeinsam auf, um die letzten Bisons in Colorado zu töten. Das brutale Gemetzel, das folgt und sich über Monate hinwegzieht, ist ebenso unerträglich wie auch faszinierend zu lesen. In detaillierten Beschreibungen und sehr poetischer Sprache, die in krassem Widerspruch steht zum Geschehen, zeigt der Autor die Abgründe der menschlichen Seele. Am Ende bleibt die Gewissheit der Sinnlosigkeit manchen Handelns, das Bedauern über den Tod von 3.000 Bisons und letztendlich auch die Erleichterung, wenn das Schlachten vorbei ist.
Bei meinen Wolfsforschungen im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark beobachte ich in jedem Winter, wie Jäger die Tiere töten. Ihr Handeln ist nicht weniger brutal als vor zweihundert Jahren, und ich habe mich oft gefragt, was Menschen dazu bringt, diese sanften Riesen so schrecklich zu töten. Dank Butcher’s Crossing weiß ich es nun. (ehr)

13.07.2015

Rezension: Wolves on the Hunt

Wolves on the Hunt
The Behavior of Wolves Hunting Wild Prey
David Mech, Douglas W. Smith and Daniel R. MacNulty

University of Chicago Press, 2015
208 Seiten
Sprache: Englisch
ISBN 978-0226255149
50 US $

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Inhalt
Die Interaktionen zwischen Top-Beutegreifern und ihrer Beute sind einige der faszinierendsten und bedeutendsten in der Natur. Sie zeigen Kraft, Ausdauer und eine tiefe, ko-evolutionären Geschichte. Und es gibt bestimmt keinen Beutegreifer dessen Jagdverhalten beeindruckender und wichtiger – aber vielleicht auch mehr falsch beurteilt – wird als den Wolf. Dies ist das erste Buch, das sich speziell diesem Jagdverhalten widmet und eine Lücke füllt zwischen Wissen und Verständnis.



Rezension
Wie von den genannten Autoren nicht anders zu erwarten – alle sind mit Wölfen seit Jahrzehnten forschungsmäßig verbunden – ist dies ein ganz hervorragendes Buch. Es schildert, nach einer allgemeinen Einleitung, in der die Jagdstrategien und die Vielfalt der Beutetiere vergleichend behandelt werden, in einzelnen Kapiteln die Jagd auf Weißwedelhirsche, Elche, Karibus, Wapitis, Dickhornschaf, Schneeziege, Bison, Moschusochse und in einem gemischten Kapitel noch den Umgang mit selteneren Beutetieren, nämlich Pronghorn Antilopen (Gabelbock), Wildschwein, Robben, Biber, Schneehasen, und selbst das Fangen von Lachsen, Wassergeflügel und Kleinsäugern wird in einigen Einzelbeobachtungen thematisiert.
Das Einleitungskapitel hat den zwar, auf ersten Blick etwas anrüchig erscheinenden Titel, „Wölfe als Killingmaschinen“, bespricht aber vor allem auch ausführlich Beispiele, bei denen Wölfe durch andere Beutetiere ums Leben gekommen sind. Sogar Weißwedelhirsche, und erst recht die großen Vier (Wapiti, Elch, Bison und Moschusochse) erzielen regelmäßig Hetzungen bei Wölfen. Abbildungen von Schädeln, die beispielsweise vom Geweih eines Weißwedelhirsches durchstoßen wurden, illustrieren dies deutlich. Auch in diesem Kapitel sind bereits eine Reihe von interessanten Beobachtungen. So ist, auch im Hinblick auf die immer noch bisweilen praktizierte Jagdsimulation durch Futterbeutelarbeit schon bei Junghunden im Alter weniger Monate die Beobachtung zweifellos sehr wichtig, dass Wolfswelpen eigentlich den ganzen ersten Winter über bei der Jagd kaum irgendetwas täten („rarely do anything“), sondern nur durch Beobachtungslernen mit dabei sind.
Daten zu Distanzen, die bei der Jagd zurückgelegt werden, Jagddauer und zum Zusammenhang zwischen Rudelgröße und Jagderfolg werden hier nochmals neu und in neuem Licht zusammengeführt. Größere Rudel sind beispielsweise bei tieferem und häufigerem Schneefall die Folge, und nicht die Ursache eines zahlenmäßig größeren Jagderfolgs.
Auch die Rollenverteilung während der Jagd ist ausgesprochen bemerkenswert. Beispielsweise leisten oftmals Jungwölfe die Vorarbeit, und die Leittiere, die hier als Breeders, also als die Fortpflanzungsträger bezeichnet werden, kommen erst zum Schluss nach vorne. Koordiniertes Verhalten bei der Jagd wird übrigens nach Ansicht dieser Autoren noch keineswegs eindeutig bestätigt. Bemerkenswert sind auch die niedrigen Erfolgsquoten: Nur wenige Prozent der Jagden sind tatsächlich erfolgreich.
Sodann folgen Kapitel nach den einzelnen Beutetierarten sortiert. Auch hier finden wir wieder zunächst allgemeine Beschreibungen und einen Literaturüberblick. Verhaltensmechanismen, Ökologie der Beute und andere Zusammenhänge werden dargestellt. Danach kommen Einzelbeobachtungen und protokollierte Jagdszenen, jeweils mit Angabe von Ort, Beobachter, und auch Datum. Am Ende jedes einzelnen Arten-Kapitels finden wir dann nochmals allgemeinere zusammenfassende Bemerkungen.
Karten von aktuellen Verfolgungsjagden mit den dabei zurückgelegten Strecken sind Teil dieser Datensammlung. Wichtig sind dabei zum Beispiel folgende Erkenntnisse: Weißwedelhirsche haben durchaus effektive Abwehrstrategien. Bei Karibus scheinen sich die Wölfe besonders schwer zu tun. Lerneffekte sind ganz besonders wichtig, wenn es beispielsweise darum geht, in schwierigem Gelände Dickhornschafe oder Schneeziegen anzugreifen, da diese dann von oben attackiert werden um ihnen die Flucht in das für sie bessere steile Gebiet zu verhindern. Bei Wapitibullen, Moschusochsen und Bisons wird häufiger eine Abwartestrategie angewandt, in denen sich das Rudel oft stundenlang in der Umgebung des Beutetiers zur Ruhe legt und immer wieder zwischendurch angreift. All diese Beobachtungen sind von größter Bedeutung und ausgesprochen spannend zu lesen.
Bedauerlich ist, dass zum Teil dieselben Fotos, oft sogar mit identischer Legende, sowohl als schwarz-weiß Abbildungen direkt in den jeweiligen Kapiteln als auch nochmals in den blockweise zusammengestellten Farbtafeln auftauchen. Hier hätte man Platz sparen oder besser anders nutzen können.
Ebenso schade ist, dass praktisch keine europäischen beziehungsweise eurasischen Beobachtungen im Buch enthalten sind. Unbestreitbar dürfte sein, dass unsere eurasischen Wölfe sich gerade bei der Jagd schwerer beobachten lassen als die Nordamerikaner. Trotzdem wäre es sicherlich interessant gewesen, beispielsweise Beobachtungen über Jagdverhalten und Jagdstrategien von Wölfen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, wie sie Bibikov beispielsweise in seinem Bändchen der neuen Brehm-Bücherei dargestellt hat, mit auszuwerten. Nicht einmal die ausgezeichneten Studien des Ehepaars Jedrzewski aus dem Bialowieza Nationalpark wurden zitiert, obwohl als Buch und Einzelveröffentlichungen in Englisch vorhanden.
Nach den Beschreibungen der Beutetierarten kommt das sehr wichtige Kapitel der allgemeinen Schlussfolgerungen. Hier wird nochmals darauf abgehoben, dass Wölfe keineswegs alles töten können, was sie gerne möchten. Die Zusammenhänge sind wesentlich komplexer. Wenn ein Beutetier erst mal geschafft hat, zwei Jahre alt zu werden, überlebt es oft bis zum Alter von 20 und wehrt sich sehr erfolgreich gegen Wölfe. Verschiedene Datenabschätzungen lassen beispielsweise erkennen, dass Wölfe das Streifgebiet von Individuen verschiedener Hirscharten durchschnittlich alle drei bis neun Tage besuchen, und wenn die Hirsche dann trotzdem wie erwähnt gute 20 Jahre alt werden, zeigt das vor allem auch, wie wenig verwundbar sie doch gegen diesen Großprädator sind. Auch Wölfe müssen ganz klare Abwägungsentscheidungen zwischen Sicherheit und eignem Verletzungsrisiko versus dem Wert des Beutetieres machen, und Beutetiere sind, wie gerade die oben erwähnten tödlichen Verletzungen zeigen, keineswegs wehr- und hilflos.
Interessant sind außerdem die Darstellungen der Landschaftsmerkmale, die nicht nur zu einer erfolgreichen Tötungsaktion, sondern vor allem auch zum Aufspüren und Verfolgen der Beute führen. Die meisten Studien haben sich nur mit den Landschaftsmerkmalen der Stellen beschäftigt, an denen die getöteten Beutetiere gefunden wurden. Viel wichtiger ist jedoch, welche Eigenschaften und Charakteristiken der Landschaft, der Vegetation etc. den Wölfen das Aufspüren und Verfolgen der Beute oftmals ja über längere Strecken ermöglichen.
Ebenfalls bedeutsam ist die Erkenntnis, dass nicht alle Nachteile, die ein individuelles Beutetier für besonders verwundbar gegen Wolfsangriffe machen, am Kadaver und an dessen Knochen und sonstigen Resten nachweisbar sind. Nicht alles, was bei der Begutachtung als angeblich vollständig gesundes Individuum deklariert wird, ist wirklich frei von versteckten Nachteilen. So zeigt sich der Gesundheits- und Ernährungszustand der Matriline, also der mütterlichen Verwandtschaftslinie, nur bei Langzeitstudien. Vielfach haben nämlich erlegte Tiere, seien sie als Jungtier, Schmaltier oder erwachsene Kuh erbeutet worden, einen Zusammenhang mit einem mangelhaften Ernährungszustand ihrer Großmutter. Es werden statistisch nachweisbar mehr Enkel und Enkelinnen von schlecht ernährten Großmüttern gejagt, auch wenn sie selbst in gutem Futter stehen. Hier sind offensichtlich wieder einmal epigenetische Mechanismen von Bedeutung.
Auch die Selektivität, also die Wahl verschiedener Individuen und Arten von Beutetieren ist offensichtlich ein komplexes Zusammenspiel aus Versuch und Irrtumslernen mit Erfahrung und auch momentan günstigen Situationen. Selbst bei Hirschkälbern ist offensichtlich eine erfolgreiche Jagd selektiver, und keineswegs jedes angetroffene Kalb wird mit gleicher Wahrscheinlichkeit angegangen oder gar gerissen.
Und letztlich noch eine Bemerkung, die wiederum die angebliche Blutrunst von Wölfen doch sehr stark relativiert: In freier Natur, wenn die Kadaver nicht weggeräumt werden, wird selbst bei so genanntem Überschusstöten, also dann, wenn die Wölfe in einer Gruppe von Beutetieren mehr Individuen reißen als sie jetzt momentan konsumieren können, im Laufe der nächsten Tage bis Wochen eigentlich alles aufgefressen. Nur dort, wo entweder eine große Bestandsdichte von Aasfressern, oder die Aktivitäten des aufräumenden Menschen die Kadaver schneller verschwinden lassen als das Wolfsrudel sie nach und nach auffressen kann, kommt es deshalb zu diesen scheinbaren Überschussaktionen. Nachdem das Überschusstöten überwiegend im Winter stattfindet, ist die Tiefkühlkost ja auch längere Zeit frisch.
Der Anhang des Buches enthält dann die wissenschaftlichen Namen der besprochenen Tiernamen, einen Autoren-  und einen Sachindex, und zehneinhalb Seiten relativ klein gedruckte und zweispaltig gesetzte Literaturliste.
Das Buch ist also eine Fundgrube, für jeden, der sich mit dem Jagdverhalten von Großraumtieren beschäftigen möchte, sei es im ökologischen Zusammenhang, aus allgemeinen Interesse am Wolf und anderen verwandten Beutegreifern, oder auch mit dem wirklichen und nicht etwa nur vermuteten und angeblich so besonders artgerechten Artverhalten des Haushundes als Nachfahr des Grauwolfs. Trotzdem hätte das Buch unter Berücksichtigung der oben genannten Kritikpunkte nochmals seine Bedeutung zumindest auf dem alten Kontinent steigern können.  (Udo Gansloßer)

11.07.2015

Rezension: Ich bin hier bloß der Mensch

Ich bin hier bloß der Mensch
Geschichten mit Hund
Severine Martens

Monsenstein und Vannerdat, 2014
160 Seiten
ISBN 978-3956453946
12,90 €

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Inhalt
Neues von den Mistkötern und Seelenhunden: Klein Luna ist ein richtig großes Mädchen geworden und auch Milow, unser Halunke, ist eigentlich gar kein Halunke mehr. Warum das so ist könnt Ihr in dreißig neuen Geschichten aus unserer kleinen Welt nachlesen. Wer sein Leben mit Hunden teilt weiß, dass die Geschichten niemals ausgehen, solange die Hunde die Geschichten machen. […] Der Tierschutz ist für uns immer noch ein großes Thema und auch Hundetrainer, Tierverhaltenstherapeuten und Ottonormalhundehalter bekommen diesmal ihr Fett weg. Manchmal etwas zynisch und böse, aber immer mit einem lachenden und einem zwinkernden Auge. Herzlich willkommen im Leben von Luna Blue Tausendschön und Milow H. Lunke, die hier jeden Tag die Geschichten machen und ihrer zweibeinigen Begleiterin, die diese aufgeschrieben hat. So hat hier jeder seine Aufgabe, auch wenn er bloß ein Mensch sein sollte. Das beliebte Blog der Autorin und ihrer Wuffstock-Band: www.fabelschmiede.de

Rezension
In 30 Geschichten erzählt die Autorin Severine Martens im Auftrag ihrer Hunde rund um das Leben mit Hund. Dabei geht es mal um alltägliche Dinge, wie eine Fahrradtour, die von einem ihrer Hunde geliebt, vom anderen aber gehasst wird, aber auch um tiefgründigere Themen, wie die Verhaltensprobleme ihrer Hündin Luna, die schlechte Erfahrungen gemacht, aber nun mit Hilfe von Milow die Sprache „Hund“ gelernt hat. Besonders berührend ist das Kapitel „Ich warte auf dich“, in dem es um die Beziehung zum verstorbenen Hund geht, der zwar gestorben, aber dennoch nicht weg ist. Ein heißes Eisen packt sie auch an, indem Sie über den Modetrend „Auslands-Straßenhund“ schreibt.
Der Erzählstil ist sehr nett und die vereinzelt eingeflossenen Dialektwörter erinnern an die norddeutsche Herkunft der Autorin. Die Fotos sind in alltäglichen Situationen entstanden und passen gut zum Charakter der Geschichten. Ich hätte mir allerdings eine etwas bessere Fotoqualität gewünscht. Auch die Investition in ein gutes Lektorat hätte sich bezahlt gemacht. Gerade am Anfang des Buches stolpert man über einige Fehler. Inhaltlich sind die Geschichten interessant und lesen sich wirklich flüssig. Jeder, der Hunde hat, wird die heiteren und nachdenklichen Situationen wieder erkennen. (Bettina Kunz)



04.07.2015

Aktuelle Luchsmeldungen

Schwarzwald: Weiterer Luchs bei Hausach im Kinzigtal entdeckt
Nachdem im Frühjahr dieses Jahres der erste Luchs im Schwarzwald bestätigt worden war, ist nun ein weiterer Luchs in den Hochschwarzwald zugewandert. Neben dem im April besenderten Luchs im Elztal konnte jetzt die Anwesenheit eines zweiten Luchses im Schwarzwald nachgewiesen werden. Der Luchs wurde im Kinzigtal in der Nähe von Hausach über eine Wildkamera erfasst. Damit leben jetzt zwei Luchse im Elz- und Kinzigtal.
Mehr …

Bayerische Jäger unterstützten die Aufklärung der Luchs-Wilderei
Die vier Luchspfoten, die Mitte Mai im Bayerischen Wald (Bereich Lamer Winkel) entdeckt wurden, stammen von zwei Tieren.
Zu diesem Ergebnis kommt das gerade vorgelegte Gutachten des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin, erklärt der Bayerische Jagdverband (BJV) in einer Pressemitteilung.
Auf einen der beiden Luchse sei bereits vorher zweimal geschossen worden.
 Mehr …


Foto © Andreas Tille