15.02.2017

Wissen Wolf: Mehrfachtötung von Schafen ist kein Blutrausch


Dringen Wölfe in eine Schafherde ein und töten mehrere Tiere, ist der Schock und die Wut der Besitzer bei diesem Anblick absolut verständlich. Dennoch ist der Wolf kein „blutrünstiger Massenmörder“. Das würde verhaltensökologisch auch keinen Sinn machen – warum sollten Beutegreifer ihre eigenen Nahrungsgrundlagen vernichten?

Beim Phänomen der Mehrfachtötungen lässt sich beobachten, dass die Wölfe manchmal wie der berühmte „Fuchs im Hühnerstall“ so lange beutefangmotiviert zupackten, bis sich nichts mehr bewegt. Wie viele Beutetiere ein Wolf auf einmal tötet und wie viel er von seiner Beute frisst, hängt unter anderem davon ab, wie leicht die Tiere zu töten sind und ob der Beutegreifer durch Menschen beim Fressen gestört wird. Weidetiere sind mitunter zu eng in einem Gatter unausweichlich zusammengepfercht und daher für einen Wolf leichte Beute.

Fest steht: Beim „Surplus Killing“ läuft wie bei jeder Jagd das ganz normale „Beutegreifer-Programm“ ab: Rennende Schafe lösen immer wieder von Neuem den Beutefangreflex aus. Normalerweise fressen Wölfe einen Kadaver so weit wie möglich auf. In diesem speziellen Fall kommt der Wolf aber nicht dazu, zu fressen, weil er durch die anderen rennenden Schafe immer wieder unterbrochen wird. Die getöteten Tiere bleiben liegen.

Wölfe in den Abruzzen haben ein Schaf getötet. (Foto: Gunther Kopp)
Mehrfachtötungen bei Wildtieren finden extrem selten statt. Im März 2016 töteten 9 Wölfe in Wyoming 19 Hirsche (17 Kälber, 2 Erwachsene) in einem Areal, in dem in jedem Winter Tausende Hirsche als Touristenattraktion mit Heu und Pellets gefüttert werden. 2016 war ein harter Winter mit tiefem Schnee. Die Biologen gehen davon aus, dass die Wölfe versucht haben, einen Vorrat anzulegen. Eine Hirschjagd ist extrem gefährlich für die Wölfe. Leicht können sie von den Hufen des Tieres, das fünf bis sechs Mal so groß ist wie sie selbst, getötet werden. In eine solche Situation begeben sie sich also nur, wenn es sich für sie lohnt. In Wyoming kann es so gewesen sein, dass die (größtenteils auch unerfahrenen) Hirsche durch den tiefen Schnee nicht fliehen konnten.

Vermutlich konnten die Wölfe nicht alle getöteten Beutetiere fressen, weil sie von Menschen gestört wurden. Hätte man die toten Hirsche liegen lassen, hätten die Wölfe – und andere Aasfresser – sie auffressen können. Dummerweise entfernte der Fisch- und Wildbehörde die Kadaver. Die Wölfe blieben hungrig zurück und die Hirsche wurden umsonst getötet.

Der erste Fall von Surplus Killing von Wildtieren wurde 1991 im Denali-Nationalpark in Alaska bekannt. Am 7. Februar 1991 töteten 6 Wölfe 17 Karibus und ließen viele von ihnen unberührt liegen. Fünf Tage später, am 12. Februar waren schon 30 bis 95 Prozent eines jeden Kadavers aufgefressen oder versteckt. Bis zum 17. April waren mehrere Futterlager aufgegraben und gefressen worden.

Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, dem empfehle ich die Studie „Surplus killing by carnivores“ des Journal of Zoology.

© Elli H. Radinger